Ein Jahr danach…

Nun ist es schon ein Jahr her, dass ich meine ersten Schritte auf dem Jakobsweg, dem „Camino Frances“ gegangen bin – heute vor einem Jahr war ich in Zubiri – am Ende der 2. Etappe. Ein wenig Sehnsucht ist schon in mir – und ich wünsche mir fast, jetzt wieder dort – oder woanders auf dem Camino zu sein.

Ich habe vor kurzem eine Postkarte von Angela bekommen – sie war zu dem Zeitpunkt in Santiago… Noch jemand mit Sehnsucht, wie es scheint… 🙂

Begonnen hat damals alles damit, dass 2 Bekannte den Weg gegangen sind – und nach dem ersten „Welchen Weg gehst Du? 800 Kilometer? Verrückt…“ – war doch der erste Funken entfacht. Dann kam, wie bei so vielen, „Ich bin dann mal weg“ dazu – und danach war es dann entdgültig geschehen. Im Sommer 2007 war es leider schon zu spät, mit dem Abenteuer zu beginnen, und so wurde der Mai 2008 als Zeit festgelegt. Dann begann das Informieren, Einkaufen von Ausrüstung, Buchen der Flüge (von denen einer einfach verfallen ist) und den ersten Trainings-Wanderungen. Die Vorbereitungszeit war spannend – viele Leute, die mich für „total bekloppt“ gehalten haben, viele die es toll fanden. Aber ich habe mich nicht entmutigen lassen und weiter auf den Mai hin gearbeitet.

Die Abreise hier wurde mir von Nachbarn und Freunden erleichtert – es gab eine große Abschiedsfeier! Wie es sich gehört, wenn man sich auf den Pilgerweg macht. Dann, am 3.5.2008, ging es früh los zum Flughafen, direkt nach Bayonne und von dort weiter über Biarritz nach St. Jean Pied de Port. Dort hatte ich die erste Nacht in der Herberge „L´esprit des Chemin” schon gebucht. Es war ein toller Beginn einer tollen Reise! Danke noch mal an das Team der Herberge! Ohne Euer Lunch-Paket hätte ich den Weg nach Roncesvalles niemals geschafft 😉

Auf dem Weg nach St. Jean und am Ort habe ich auch schon viele tolle Menschen kennen gelernt, die in den nächsten Tagen und Wochen meine stetigen Begleiter werden sollten – aber das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Besonderen Gruß an dieser Stelle an Gerd und Gudrun, Angela und Michael und die anderen, die ich leider nie kennengelernt, aber doch immer wieder gesehen habe.

Die ersten Tage waren anstrengend – abends war jeder Schritt eine Qual – und morgens ebenso… Aber schon nach den ersten wenigen Tagen hatte ich das Gefühl, schon ewig unterwegs zu sein. Besonders toll war hier auch, wie groß der Zusammenhalt der Menschen auf dem Weg ist – jeder hilft dem anderen mit Medikamenten, Essen, Trinken usw.

Leider war mein Training vor dem „Weg“ wohl doch nicht genug, und so haben schon nach wenigen Tagen, genau genommen nach der vierten Etappe, meine Knie angefangen, nicht mehr laufen zu wollen. Angefangen hatte es eigentlich schon auf der ersten Etappe: kurz vor dem Ziel hatte ich, nur für wenige Schritte, einen Stein im Schuh. Das gab eine winzige Blase unter der linken Ferse. Eigentlich kein Problem – wenn ich nicht am nächsten Tag ein Blasenpflaster darauf geklebt hätte. Dieses hat sich nämlich während des Tages gelöst und zu einem Knubbel zusammen geknäult. Und DAS gab dann die richtige Blase. Damit war das Laufen etwas ungleichmäßig und damit finden die Schmerzen im linken Knie an. Nach der vierten Etappe habe ich mich dann in Puente la Reina von Angela, Michael, Erika und Serano getrennt und habe nur noch kurze Strecken zurück gelegt.  Trotzdem haben sich die Schmerzen dann durch die Schonungshaltung auch noch auf das rechte Knie übertragen. Aber 15-20 Kilometer am Tag waren noch möglich. Ich habe dann entschieden, NICHT über Bilbao zurück zu fliegen, sondern das letzte Stück bis Santiago auf jeden Fall zu laufen.

Also bin ich noch einige kurze Etappen bis Belorado gelaufen – auch hier auf dem Stück wieder tolle Leute kennen gelernt – „Möhre“ aus Berlin, einen Ungarn der in den Kirchen gesungen hat, einen Psychologen aus München, usw. Und – was immer wieder was besonderes war – immer wieder auch auf Gerd und Gudrun gestossen. Da ich zwischenzeitlich ein Stück mit dem Bus gefahren bin, hab ich sie überholt und damit wieder getroffen! Noch mal einen Gruß an Euch – wo auch immer Ihr im Moment seid 😉

Von dort aus ging es dann auf schnellstem Weg – mit Bus und Bahn – nach Burgos und Leon. Die beiden großen Städte haben mir aber nicht wirklich gefallen. Wenn ich längere Zeit Ruhe habe, geht mir so ein Durcheinander auf die Nerven… Aber Burgos hat eine tolle Kathedrale und am Abend habe ich super Tappas genossen!

Dann ging es weiter nach Sarria und von dort die letzten 100 Kilometer nach Santiago. Galizien hat mir super gefallen. Wie ein verzaubertes Land, wo hinter jeder Steinmauer Elfen und Trolle wohnen…
Und hier habe ich auch Per kennengelernt. Unsere Wege haben sich fast täglich gekreuzt, obwohl wir nie in der gleichen Stadt übernachtet haben! Gruß nach Dänemark an dieser Stelle – ich hoffe es geht Dir gut und Du findest noch Deinen Weg in den Norden!

Die Ankunft in Santiago war eher nüchtern – aber ich bin froh, dort mit Per gemeinsam angekommen zu sein! Nach dem aber dort noch nicht das Ende „meines“ Weges gekommen war, bin ich gleich weiter nach Finesterre – natürlich wieder mit dem Bus, weil ich für die 100 Kilometer weitere 5 Tage gebraucht hätte – und die waren leider nicht mehr übrig. Dort, am Ende der Welt, war dann auch mein Weg zu Ende. Schwermütig sass ich an den Steilklippen und habe nach Westen der Sonne hinterher geschaut. Aber alles hat eine Ende, so auch diese Reise. Und dort hat sich auch ein weiterer Kreis geschlossen – eine Östereicherin, die ich bereits in Roncesvalles getroffen habe, war zu gleichen Zeit dort!

Und, was hat das alles gebracht? Bin ich jemand anderes geworden? Bin ich jetzt wieder so wie „vorher“? Ich kann es nicht sagen. Es war eine besondere Erfahrung, die mir eine Menge gegeben hat, aber im Moment auch eine gewisse Leere hinterlässt. Ich denke, die Sehnsucht lässt einen nicht mehr los… und früher oder später muss man sich wieder auf den Weg machen, auf „seinen“ Camino.

Ultreia!

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